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Projekt Kitty | Ratgeber Tiermedizin

Die Blasrohrspritze – sanfte Medikation für wilde Tiere

Es gibt sie, und leider gar nicht so selten. Die scheuen Katzen oder bissigen Hunde, die aufgrund ihrer Erfahrung im bisherigen Leben nichts mit Menschen zu tun haben wollen. Versucht dann doch einmal ein Zweibeiner ihnen zu nahe zu kommen, zögern sie nicht, zuzubeißen. Angriff ist schließlich die beste Verteidigung. Oft geschieht das mit fatalen Folgen. Mit Bisswunden ist nicht zu spaßen, schon gar nicht, wenn sie von Katzenbissen herrühren. Dies ist natürlich keine Bösartigkeit von Seiten der Tiere, sondern fast immer die pure Angst, die sie zu derartigen Handlungen treibt.

Auch bei Hunden kann das Blasrohr Einsatz finden. Foto: © T. Hölscher

Doch was tun, wenn eines dieser armen Geschöpfe eine Impfung oder eine Narkose braucht? Wie soll man sich dem Tier nähern, und ihm die notwendigen Medikamente verabreichen, ohne den Vierbeiner zu traumatisieren und sich dabei selbst zu gefährden?

Ganz einfach: Viele Injektion können mit dem Blasrohr verabreicht werden. Dies klingt abenteuerlich, gepaart mit einem Hauch von Indiana Jones, doch in der Praxis ist die Benutzung simpel und mit ein bisschen Übung alles andere als kompliziert. Stressfrei für Mensch und Tier. Im besten Fall bringt der Patient den Piks in den Po nicht einmal mit dem Menschen in Verbindung, der das seltsame Rohr in der Hand hält.

Der ängstliche Hunde wurde mit dem Pfeil getroffen. Foto: © T. Hölscher

Doch wie funktioniert die Injektion mit der Hilfe eines Blasrohrs im Detail?

Die Pfeile bestehen aus zwei Kammern. In die eine wird die Injektionsflüssigkeit, sei es eine Impfung oder ein Narkotikum oder ein anderes Medikament, eingefüllt. Um gleichbleibende Flugeigenschaften für den Pfeil zu gewährleisten, wird der luftgefüllte Rest dieser Kammer – sollte das Volumen des Medikamentes allein nicht ausreichen – mit Kochsalzlösung aufgefüllt. So sind die Pfeile immer gleich schwer und weisen damit dieselbe Flugbahn auf. Das erleichtert das Treffen für den Schützen.

Auf die Medikamenten-Kammer wird die Injektionsnadel aufgeschraubt. Die Besonderheit dieser Nadel besteht darin, dass sich ihr Ausführungsgang nicht an der Spitze wie sonst üblich befindet, sondern seitlich ein kleines Loch hat, aus dem später die Medikamentenflüssigkeit austritt. Warum das so ist, wird man im Anschluss verstehen.

Über diese Öffnung wird nun eine kleine Plastikmanschette geschoben, die das Loch dicht verschließt. Dies gelingt besonders gut, wenn man die Nadel vorher mit Vaseline oder einer anderen gleitfähig machenden Creme ummantelt. Ist die Öffnung verschlossen, kann erst einmal nichts auslaufen.

Nun widmen wir uns der zweiten Kammer. In diese wird mit einer 20 ml Spritze und einem eigens dafür bestimmten Konnektor Luft eingefüllt. Dies geschieht mit einem kräftigen Druck auf die große Spritze, so dass in der Kammer, die mit einem Verschlussstopfen ausgestattet ist, ein satter Überdruck entsteht.

Zu guter Letzt setzt der Tierarzt ans Ende des beladenen Pfeiles noch einen Puschel drauf, der die Flugkurve des Pfeils später optimiert. Dieser Büschel ist meist rot oder orange, was später – im Eifer des Gefechts – das Auffinden des Pfeils erleichtert.

Nun ist alles für den Einsatz bereit. Das Tier wird gesucht, und es wird gewartet, bis es eine ruhige Position eingenommen hat. Am besten befinden sich Tier und Schütze in einem Gehege oder geschlossenen Raum. Anvisiert werden die Hintergliedmaße des Patienten. Denn das Tier wird immer die Flucht nach vorne antreten. Setzt sich der Vierbeiner in Bewegung, verfehlt der Pfeil im schlechtesten Fall sein Ziel, aber er trifft auf diese Wiese keine empfindlichen Körperteile wie Augen oder Lunge.

Nun wird tief Luft geholt, gepustet, und ab geht die Post. Der Pfeil landet im Tier, der Patient erschrickt kurz und macht einen Satz nach vorn. Die Nadel dringt in das Gewebe ein. Jetzt kommt der Einsatz der Plastikmanschette, die bis dato verhindert hat, dass das Medikament aus dem Pfeil austritt. Sie wird bei Eindringen in das Tier nach hinten geschoben. Damit liegt die seitliche Öffnung der Nadel nun frei. Der Überdruck in der hinteren Kammer sorgt dafür, dass das Trennelement der beiden Kammern ganz nach vorne geschoben wird, das Präparat ergießt sich komplett in den Muskel des Tieres. Das war es, simpel und genial zugleich!

Sitzt der Schuss, muss kurz überprüft werden, ob sich die Medikamentenkammer wirklich entleert hat. Bei Narkosen heißt es jetzt nur noch, abwarten. In Kürze wird das Tier einschlafen. Handelt es sich um eine Impfung oder eine andere Medikamentenapplikation, gilt meist das gleiche. Nach kurzer Zeit versuchen die Vierbeiner sich des Pfeiles selbst zu entledigen und ziehen ihn mit den Zähnen heraus. Man muss ihn nur noch einsammeln.

Doch bei aller Euphorie bezüglich dieser Behandlungsmethode bleibt ein gravierender Nachteil: Die „wilden“ Tiere können vor der Applikation mittels Blasrohres nicht untersucht werden.

Die Narkose betreffend bedeutet dies, dass das Ganze nicht wie im Lehrbuch vorgeschrieben abläuft. Normalerweise sollte der Patient vor jeder Narkose gründlich durchgecheckt werden. Doch in manchen Fällen muss man sich eben nach der Decke strecken und an den gegebenen praktischen Möglichkeiten orientieren. Und wenn sich Hund und Katze partout nicht anfassen lassen, ist die Blasrohrinjektion ein schonendes Mittel, den Tieren die von ihnen benötigten Medikamente angedeihen zu lassen, auch ohne vorherige Untersuchung.

Komplette Blasrohrsets gibt es im Fachhandel zu erwerben. Schon einige Stunden Übung reichen aus, um zielsicher treffen zu können. Besonders in Tierheimen, in denen leider oft verängstigte Hunde und Katzen anzutreffen sind, kann das Blasrohr dem Tierarzt hilfreiche Dienste leisten. Eine geschickte Behandlungsmethode, um es Mensch und Tier leichter zu machen und Verletzungen auf beiden Seiten zu vermeiden. Auch womöglich frisch aufkeimende Vertrauensverhältnisse zwischen Menschen und Tieren werden nicht durch wilde Jagden mit dem Kescher oder grobes Festhalten gefährdet, sondern können unbeeinträchtigt weiterwachsen.

Utensilien für einen Einsatz mit dem Blasrohr.
Utensilien für einen Einsatz mit dem Blasrohr. Foto: © Dr. Tina Hölscher

Bei Fragen bezüglich des Bezuges, der Anwendung oder technischer Schwierigkeiten dürfen Sie sich oder auch gerne Ihr Tierarzt an unsere Tierärztin Frau Dr. Tina Hölscher wenden. Sie benutzt ihr Blasrohr regelmäßig und freut sich jedes Mal, ob dem für alle Seiten vorteilhaften Nutzen dieses Instrumentes.
Dr. Tina Hölscher
Tel. 089 89146676
tierarzt[at]aktiontier.org

Dr. med. vet. Tina Hölscher

Tierärztin bei aktion tier – menschen für tiere e.V.